Die Leseprobe

Kapitel 1

London, Freitag der 13. September 2024 10:20

Heute war ihr erster Urlaubstag. Ruth Oasis hockte in ihrem Lieblings-Schlabbershirt und einer gemütlichen, extraweiten grauen Jogginghose aus dicker Baumwolle an der Theke ihrer schicken Wohnküche. Die patente Postbotin war gerade erst fünfunddreißig Jahre alt geworden. Sie war sportlich schlank und klemmte ihr kastanienbraun schimmerndes, schulterlanges Haar gerne elegant hinter die Ohren. Das brachte ihre markanten Wangenknochen besser zur Geltung, fand sie.

»Ach nö, nicht schon wieder!«, schimpfte sie genervt und starrte missmutig auf das Display ihres Smartphones. »Epli Incorporated«, stand da. »Eine neue Softwareaktualisierung ist verfügbar. Download: ›Ja?‹ Oder ›Weiter?‹«

»Zum Teufel, nein! Ich will kein Update! Ihr blinden Tunnelaffen! Ich – will – es – nicht! Zum Kuckuck. Wo habt ihr denn den Abbrechen-Button versteckt?«

Ratlos vergrub sie das kleine Gerät in ihren Händen und ließ es frustriert in den Schoß fallen. Sie starrte durchs Fenster – defokussiert – weit hinaus über die lange Reihe historisch anmutender Londoner Hinterhofdächer. Noch feucht vom Regen der Nacht, reflektierten diese das flach einfallende Sonnenlicht wie matte Spiegel und trugen es gleißend hell und spätsommerlich warm bis hinein in Ruths putzige, mit Blümchen bemusterte Mansardenwohnung. Links an der Wand, gegenüber dem dunkelroten Sofa aus Schweden, flimmerte das Vormittagsprogramm über ihren betagten Flachbildfernseher. Der Ton war sehr leise eingestellt. Ausnahmsweise interessierte sich Ruth nur am Rande dafür, was gesprochen wurde. Es ging ihr mehr darum, nebenbei am Geschehen da draußen in der Stadt teilzuhaben, ohne irgendetwas Wichtiges zu verpassen.

Sie sah erneut aufs Display ihres Smartphones. »Na gut, du Quälgeist, du gibst ja doch keine Ruhe. Aber wehe, es funktioniert später wieder irgendetwas nicht, was vorher wunderbar mitgemacht hat!« Sie drückte auf dem Touchscreen den Button für ›Weiter‹. Ein grüner Balken tat sich auf. »Download läuft. Noch 25 Minuten.«

»Sooo lange? Bist du noch ganz sauber in der Birne?« Ruth legte das Handy verächtlich auf den Tresen und ließ es tun, was nicht zu verhindern war. Dann goss sie sich etwas heißen Tee nach. Immerhin: Der war köstlich. Ein Lord Phi Highland Spezial, erste Pflückung. Ein Geschenk ihres vierzehn Jahre älteren Freundes.

Und da war sie wieder: diese stechende Sehnsucht. Das Herz tat ihr weh, wenn sie an ihren Noah dachte. Was war aus ihm geworden? Das letzte Mal hatten sie sich auf ein Bier getroffen, sehr spät am Abend, in ihrer Stammkneipe am Queensway 112. Ganz kurz nur. Er war in schlechter Verfassung gewesen und hatte von Problemen gesprochen, die er nicht im Griff habe. Er hatte gehetzt gewirkt, angetrunken und dennoch sehr um sie besorgt. Hoch und heilig hatte er ihr versprochen, sich bald wieder bei ihr zu melden. Das war vor drei Monaten gewesen. Eine viel zu lange Zeit, wie sie fand. Warum rief er sie nicht an?

Im Streit waren sie nicht auseinandergegangen. Ganz im Gegenteil. Sie hatten sich sehr zärtlich voneinander verabschiedet. Die Trennung sollte nur vorübergehend sein, hatte er damals beteuert, nur für wenige Tage. – Irgendetwas stimmte mit ihm nicht.

Als sie gleich am Montag darauf in seiner Straße gewesen war, um die Post auszutragen, war ein hoher Bauzaun vor seinem Haus gestanden – mit einer Plane als Sichtschutz. Der unfreundliche Polizeibeamte davor, hatte sie weggejagt, weil sie einen Blick dahinter werfen wollte. Und es hatte dort seltsam gerochen. Nach Zitronenaroma. Daran erinnerte sie sich noch. Ruth war besorgt. Wo er sich jetzt wohl herumtrieb?

Sie spülte den Kloß in ihrem Hals mit einem weiteren Schluck des köstlichen Tees hinunter und starrte auf das Fernsehgerät. Unter dem eingeblendeten Newsticker zeigten die Kameras des Senders polizeiliche Einsatzfahrzeuge, pulsierendes Blaulicht und Polizisten beim Absperren irgendeiner Stelle, die nach Hyde Park aussah. Gesichter fassungslos umherblickender Menschen waren zu sehen. Was war denn da los? Ruth wollte nach dem Handy greifen, um mit dem zuständigen App den Fernsehton laut zu drehen.

Ach natürlich, das lud ja immer noch dieses leidige Update herunter. Besser in Ruhe lassen. Wo hatte sie gleich noch die Fernbedienung hingelegt? Sie kramte ihre Küchenschubladen durch. Ah, da war sie ja. Sie zielte mit dem Infrarotsender auf den Monitor und drückte auf ›Lauter‹. Aber es tat sich nichts. Der Ton blieb weiterhin unhörbar. Lag das vielleicht an den alten Batterien? Na ja, die Fernbedienung war ja auch seit Monaten nicht mehr benutzt worden. Mit dem App ging es eben wesentlich komfortabler.

Wie weit war denn das Smartphone inzwischen? Schwarzer Bildschirm … tot? Nein. Das Betriebssystem fuhr gerade wieder neu hoch. Gott sei Dank. Der erlösende Jingle erklang und im nächsten Moment erschien auch die Eingabemaske für den Pincode. Eilig tippte sie ihn ein.

Und was war das jetzt? Ruth traute ihren Augen nicht. Sie kreischte: »Seid ihr kirre?« Ihre Stimme klang so – und so schaute sie auch drein, als hätte man zu ihr gesagt: »Ihr Baby ist im Kreißsaal leider vertauscht worden.«

Und irgendwie war dieses Gerät ja auch so etwas wie ihr Baby. Nun war es ihr fremd geworden. Die Bedienungsoberfläche sah ganz anders aus als vor dem Update. Das machte Ruth zu schaffen. Sie schüttelte angewidert den Kopf.

»Was ist denn das für eine Scheiße? Was habt ihr getan? Ohne mich zu fragen. Warum? Es war doch alles gut!« Ruth blätterte ungläubig durch die Icon-Sortimente und verstand die Welt nicht mehr. Epli hatte das komplette Design geändert. Der vertraut-kindlich und wohlig anmutende Look, der Ruth so charmant an ihre Puppenstube aus Kindertagen erinnert hatte, war gegen eine kalte, flache Businessoberfläche ersetzt worden. Keine Ledereinfassung mit putzigen Nähten um den Notizblock mehr. Die Datenbank für Adressen und Kontakte sah nicht mehr aus wie ein niedliches aufgeschlagenes Buch. Stattdessen waren die Icons nun quietschbunt, flach und schattenlos, als würden sie nicht vom renommiertesten Smartphone-Hersteller der Welt stammen, sondern zu irgendeinem chinesischen Billighandy gehören, das man sich für fünf Pfund aus dem Wühltisch ziehen konnte.

Doch der eigentliche Schock kam ja erst: Es benahm sich nicht mehr wie gewohnt. Ruth hatte Ihre geliebten Wünsch-dir-was-Apps längere Zeit nicht benutzt. Und als sie jetzt auf die entsprechenden Icons tippte, passierte … gar nichts. Es war, als gäbe es die Programme nicht mehr. Die neue Version des Betriebssystems hielt es nicht einmal für nötig, eine Fehlermeldung anzuzeigen. Ruth probierte es immer wieder, aber der Effekt war gleich null. Inzwischen saß sie gekränkt auf ihrer Couch vor dem Fernseher und es kullerten ihr richtig dicke Tränchen aus den Augen.

Wenn doch bloß Noah wieder da wäre. Er hätte ihr bestimmt geholfen. Schließlich war er der Schöpfer dieser ganz besonderen Apps. Als wäre es gestern gewesen, sah sie ihn vor sich. So sympathisch besorgt war er um sie an dem Tag, als sie einander kennenlernten. Er redete völlig unverständliches Zeug, aber er roch gut und seine warme Stimme berührte ihr Herz, als sei in ihrem Inneren der Button für ›Weiter‹ gedrückt worden.

Na immerhin: Wenigstens das Fernbedienungs-App funktionierte wieder. Endlich konnte Ruth hören, was zu den befremdenden Fernsehbildern berichtet wurde:»… laut Angaben der City of London Police ist ein mutmaßlich obdachloser Mann im Alter von knapp fünfzig Jahren erst vor wenigen Minuten amSpeakers‘ Corner auf spektakuläre Weise ums Leben gekommen. Die Polizei hat den Tatort bereits abgeriegelt. Erste kriminalpolizeiliche Untersuchungen wurden eingeleitet. Zufällig sollen auch Mitglieder einer Gruppe schwedischer Studenten den Vorfall aus unmittelbarer Nähe mit angesehen haben. Sie benötigen dringend psychologische Hilfe. Einsatzkräfte vom London Ambulance Service sind bereits vor Ort. Leider kam für das Opfer jede Hilfe zu spät. Es wird weiter nach zuverlässigen Zeugen gesucht. Die meisten Beobachter der Tragödie stehen unter Schock und sind nur eingeschränkt vernehmungsfähig …«

Die Kameras der Reporter zeigten die erschütterten Gesichter von traumatisierten und orientierungslos umherlaufenden Joggern, von Geschäftsleuten, die ihren Weg zur Arbeit unterbrechen mussten sowie von einigen Obdachlosen, die sehr viel Anteilnahme zeigten. Die Menschen blickten starr wie Fische umher oder sie heulten und kreischten wie am Spieß.

Immer wieder war von zwei Stadttauben die Rede, die in Zusammenhang mit geringen Mengen weißen Flüssigsprengstoffs gebracht wurden, durch den das Opfer angeblich zu Tode gekommen sei.

Wie es hieß, diskutiere eine inzwischen unübersehbare Anzahl Neugieriger kontrovers über eine Website namens www.spinswitchreport.org. Es seien dort äußerst umstrittene wissenschaftliche Thesen, Anleitungen und Softwareprogramme veröffentlicht worden. Unbestätigte Gerüchte wohlbemerkt, die durch dieses Ereignis jedoch in einem hoch brisanten Licht erschienen.

Allgemeine Enttäuschung herrschte in London auch darüber, dass der berühmte Boxer Jason Nock seinen am Abend weltweit mit Spannung erwarteten Titelverteidigungskampf gegen seinen Herausforderer Sadilov Labischki kurzfristig abgesagt hatte. Nock sei unfreiwillig zu einem der Augenzeugen des Vorfalls geworden, teilte sein Pressesprecher mit. Er sei völlig demoralisiert …

Kapitel 2

Melbourne, zwei Jahre zuvor, Dienstag 06. Dezember 2022

Die Luft, die diese Halle erfüllte, hätte man in Scheiben schneiden können. Wie die eines Tropengewächshauses im Zoo war sie schwülwarm, feucht und zäh wie Götterspeise. Doch es gab hier weder Palmen noch Affen. Es miefte aber genau so, als wären die verschwitzten Tiere nur mal eben zeternd nach draußen gewieselt, um sich frische Bananen zu organisieren. Heißem Honig gleich, rann kondensierte Feuchtigkeit an den Innenseiten der imposanten Scheiben des IBR, des Institute for Brain Research, herab. Es war die einzige Forschungseinrichtung für Neurowissenschaften, die sich der australische Staat noch gerade eben so leisten mochte. Die Sprossen der Fenster erinnerten an den Stolz der dreißiger Jahre. Damals hatte dieses verwitterte Backsteingebäude Melbournes noch als Montagehalle für geheime Zeppelinprojekte gedient. Doch dem Lack der einst tannengrünen Dachkonstruktion setzte der Rost zu. Er platzte ab und fiel wie Herbstlaub überall von den Metallträgern. Die Betriebsgenehmigung der Konstruktion war wohl vor Jahren schon abgelaufen.

In der Mitte des gekachelten Fußbodens stemmte sich eine trotzige Metallkonstruktion tapfer gegen das enorme Gewicht, das etwa drei Stockwerke hoch auf ihm lastete. Auf wuchtigen, mattgrauen Aluwinkeln und -trägern, die von einer abmontierten Eisenbahnbrücke stammen mochten, ruhte ein fleischiges, grotesk anmutendes Monster – ein überdimensionales Gehirn.

Das Material für das ausladende, viele hundert Tonnen schwere Replikat stammte aus einem Bioreaktor, der es aus mehreren Hektolitern menschlichen Urins gewonnen hatte. Synthetisches Zentoplasma, Glukose, Aminosäuren, Mineralien. Das runzelige Fettgewebe erinnerte an pürierte Wurstmasse. Es quoll über die Auflage des massiven Gerüstes hinaus wie ein wassergefüllter Ballon. Damit seine Oberfläche nicht austrocknete und riss, wurde es von einer elektronisch geregelten Anlage permanent mit handwarmer Lauge besprüht. Ein künstlicher Organismus mit zuckenden Nervenzellen, die so groß waren, dass man glaubte, sie mit bloßem Auge erkennen zu können; natürlich wollte dieses Ding bei Laune gehalten werden. Es konsumierte Sauerstoff und Nährstoffe in Unmengen. Zehn Hochleistungspumpen, gespeist aus Spezialtanks im Keller, versorgten das Ungetüm über dicke Schläuche aus zähem, transparentem Kunststoff rund um die Uhr mit eklig laubrauner Emulsion.

Die wabbelige, blass rosagraue Masse der Großhirnnachbildung machte schon vorne am Frontallappen keinen sonderlich appetitlichen Eindruck. Glitt der Blick etwas tiefer hinab zum Bereich der Hypophyse unterhalb des Mittelhirns, hatte sich bis jetzt noch jedem Besucher von Professor Effettis Forschungslabor der Magen zuverlässig nach außen gestülpt.

»Professor Effetti? Hallo?« Ein anrührendes, seidenzartes Stimmchen säuselte aus dem Headset des achtundvierzigjährigen Gehirnforschers.

»Was ist denn jetzt schon wieder?«

»Das Journalistenteam vom Melbourne Scientific Observer, Sir. Sie hatten mir letzte Woche den Termin bestätigt. Die Herren warten im Foyer auf Sie.«

Eve van Edele war Aldo Effettis rechte Hand, was den organisatorischen Kleinkram anbelangte, mit dem sich eine derart anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Entelechie-Assemblik, wie er eine war, weder belasten konnte noch wollte. In Aldos Augen war seine blauäugige Assistentin ein zartes, rundes, rosa Zuckergebäck. Es war eingefasst in makellos weiße Papier-Rosetten, obendrauf verziert mit zwei fruchtig leuchtenden Kirschen. Eine Versuchung, der man nur der eigenen Figur zuliebe entsagte. Das gebildete, verletzliche Wesen bevorzugte vornehme Kleidung, war aristokratisch erzogen und allem Anschein nach von unbestechlicher Moral.

»Ach Gott, die Pressefritzen! Die hab ich ja völlig vergessen«, stöhnte Aldo. Der sportlich schlanke Wissenschaftler stapfte in luftiger Höhe ganz alleine durch die wulstigen Hügel seines Steuermittel verschlingenden Simulationsobjektes. Der praktische Teil seiner Tätigkeit war diffizil und ließ sich nicht delegieren. Das zwang ihn, sich der Schwemme milchig schmierigen Schmadders auszusetzen, die der träg pulsierende Organismus wellenartig über seine porösen Oberflächen ausschäumte. Effettis gelb gefleckter Schutzanzug aus billigem Polypropylen war besudelt von dem Zeug. Zäh troff es von ihm ab. Der Geruch hätte im Freien Trauben von leidend-lüstern dreinblickenden Straßenkötern angelockt.

In tiefem, aufgesetzt relaxtem Tonfall brummte Aldo in das kleine Mikrophon an seiner Backe: »Wimmel sie ab, Löckchen. Ich stecke im Neocortex fest.«

»Gütiger Himmel, Professor! Brauchen Sie Hilfe?«

»Nein, nein! Ich komm schon klar. Kein Problem. Aber ich bringe gerade neue Sensoren an. Im Moment kann ich den Job unmöglich abbrechen.«

»Okay!«, flötete die neunundzwanzigjährige Blondine durchs Haustelefon. »Ich versuche, die Herrschaften auf nächste Woche zu vertrösten.« Das Rauschen des Headsets verstummte.

Minuten darauf stahl sich ein mechanisches Zirpen durch die Halle, gefolgt von einem sanft-schlüpfenden »KLACK«, so als hätte jemand vorsichtig eine Türe geöffnet und sie weich ins Schloss zurückgleiten lassen. Dort oben, wo Aldo gerade arbeitete, bekam er dies nur unterschwellig mit. Er befand sich in dem schmalen Spalt zwischen linker und rechter Gehirnhälfte, acht Meter über dem Boden, umgeben von satt schmatzenden Geräuschen, die von transpirierenden, vulgärrhythmisch pumpenden Fettpolstern ausgingen.

Genau in diesem Augenblick schlug der Analyzer Alarm. Das war das kleine Handgerät, mit dem Effetti seine Sensoren einmaß und prüfte. Deren Empfindlichkeit musste präzise auf die Erfassung der eingehenden Signale abgestimmt werden. Sie wurden stetig unten im Computerraum des Hangars generiert, und oben vom nachgebildeten neuronalen Netz des Denkorgans als Echo wiedergegeben.

Eine Unregelmäßigkeit im ausgelesenen Datenstrom hatte den Argwohn des Analysegerätes geweckt. Aldo elektrisierte das. War er auf die erhoffte Goldader gestoßen? Eine messbare Beobachtung, die eine seiner umstrittenen Hypothesen bestätigen würde? Beispielsweise der, dass Gehirn und Bewusstsein zwei voneinander unabhängig existierende Systeme sind? Oder handelte es sich lediglich um eine Fehlmessung? Unzählige Male war das schon vorgekommen. Der Professor war deshalb misstrauisch geworden. Funktionierten alle Kontakte einwandfrei? Waren sämtliche Stromkreise geschlossen?

Um ganz sicher zu gehen, fuhr er den Analyzer herunter und trennte ihn von den signalverarbeitenden Mikrosystemen. Dann fügte er alles wieder zusammen und startete den Analyzer kalt, damit das Netz aus Sensoren gezwungen war, sich frisch zu initialisieren.

Doch der Effekt stellte sich erneut ein. Die Sensoren funktionierten also. Ob die unregelmäßig unterteilten Abtastlücken ein interpretierbares Muster ergaben, konnte Aldo noch nicht beurteilen; jedenfalls nicht von hier oben aus.

»Das muss ich mir genau ansehen«, brummelte er und beeilte sich, aus dem glitschigen Ungetüm zu schlüpfen. Während er trampelnd die enge Alutreppe hinunterstolperte, schloss sich die hintere Hallentür ein weiteres Mal vorsichtig; wieder, ohne Aldos Aufmerksamkeit zu erregen.

Unten angelangt schälte er sich hastig aus seinem klammen Overall wie aus einer matschigen Bananenschale. Eine enge Drehtür aus Blech diente als Schleuse zwischen der muffig feuchten Halle und dem klimatisierten Computerraum.

Aldo wusch sich rasch die Hände, bevor er sich ans Terminal setzte. Als Betriebssystem diente ihm ein Linux-Derivat, das auf allen Rechnern des Institutes installiert war. Die lästige Standardmeldung an der Konsole wies auf einen mobilen Datenträger hin, der angeblich unsachgemäß entfernt worden war.

»Papperlapapp.« Aldo wischte sie achtlos beiseite. Der international für seine Akribie gelobte Forscher lenkte seine ungeteilte Aufmerksamkeit stattdessen auf die Bildschirme des Zentralcomputers. Kryptische und sich mehrfach überlagernde farbige Tabellen schossen in ruhelosen Rhythmen dahin. Souverän startete er ein halbes Dutzend verschiedener Programme und synchronisierte deren Output mit den Eingängen des Datensessels. Fachfremden Betrachtern war das martialisch anmutende Ding suspekt. Es erinnerte fatal an Vorrichtungen, die in den USA zur abrupten Verkürzung einer Lebensspanne dienten. Es stand bleischwer und unverrückbar vor dem Schaltpult.

Aldo war in fiebriger Erwartung. Er schlüpfte in den Integralhelm für Probanden, der seinen Kopf vollständig umschloss. Der Datenhelm war mit einer Unmenge von Kabeln gespickt. Wahlweise konnten damit Messdaten erhoben oder einfach nur betrachtet werden. Ein solides Scharnier verband ihn mit dem Sessel. An Stelle eines Visiers war eine Virtual-Reality-Brille eingebaut. Sie visualisierte die aussagekräftig animierten 3D-Grafiken der Auswertungssoftware. Ergänzt von entsprechenden Sound-Effekten konnte Effetti damit seine Messwerte im virtuellen Raum intuitiv erleben. Er machte so was gerne. Für einen begabten Fachidioten wie ihn war das Cybersex erster Güte, dem er sich stundenlang hinzugeben vermochte.

Lange nach Feierabend – das Institut war längst geschlossen – glaubte Aldo Effetti, im Strom der Messdaten einen Bereich entdeckt zu haben, in dem die aufgetretene Anomalie strukturelle Muster aufwies. War er auf eine geheimnisvolle fraktale Dimension gestoßen? Auf ein dissipatives System? Würden ihm daraus ableitbare Algorithmen endlich erlauben, lang gehegte Ideen zu verwirklichen? Visionen, die ihn seit seiner Jugend beschäftigten? Allmählich begann er, sein Gefühl für Raum und Zeit zu verlieren.

Die Schleife aus einem besonders prägnanten, etwa fünfminütigen Abschnitt seiner Aufzeichnungen hatte er sich bereits erfolglos unzählige Male vorspielen lassen. Eigentlich wollte er aufgeben. Doch plötzlich zeichnete sich vor seinem geistigen Auge etwas ab: konkrete Rechenformeln. Es waren partielle Differenzialgleichungen von ästhetischer Schönheit, wie sie sich nur einem Mathematiker allererster Ordnung offenbarten: einem genialen Kerl wie ihm. Effetti war kurz davor auszuflippen. Er taumelte im Glück seiner überragenden Intelligenz. Gott in seiner unerschöpflichen Güte hatte ihn umarmt und liebkost. Ach, – was heißt liebkost? Er hatte ihm einen lang anhaltenden, fast schon übertrieben innigen Zungenkuss gegeben, der tief hinabreichte bis zum Mandelansatz.

Ahnte er bereits, wohin ihn die hintergründige, geradezu unermessliche Tragweite seiner sich gerade entwickelnden Erkenntnis führen würde? Weit hinaus jedenfalls über das angepeilte Forschungsziel: die Spin-orientierte Aktivität hydrophober Bioschaltungen in fetthaltigen Membranen des Gehirns.

Es kam ihm so vor, als wären ihm die Pforten zum Himmel geöffnet worden. War er am Ziel seiner wissenschaftlichen Karriere? Hatte er den Stein der Weisen gefunden? Die Weltformel? Den Codex Magica?

Ein dumpfer, trockener Knall ließ Aldo jäh aus seiner entrückten Euphorie stürzen. Mit einem fiesen »PIEP« verglühten die tanzenden Daten vor seinen Augen zu einem gleißend hellen Stern am virtuellen Firmament. Totale Finsternis. Trotz des schalldämpfenden Helms bekam er mit, dass die Technik rings herum, die Klimaanlage sowie die Festplatten und die Lüfter der Computer, knallhart herunterfuhren.

War das ein Stromausfall? »Verdammter Bockmist!«, schrie Aldo wütend. In der Enge des Helms schlug ihm sein übler Atem entgegen. Die Zunge klebte regelrecht am Gaumen fest. Seit dem Mittagessen beim Griechen hatte er keinerlei Flüssigkeit mehr zu sich genommen. Natürlich versuchte er sofort, das Scharnier des Helms zu öffnen. Doch die Arm- und Beinarretierungen des Probandensessels zogen sich im selben Moment fest. Was war mit der Sicherheitsschaltung los? Das genaue Gegenteil hätte passieren sollen.

Und die Notstromaggregate des Instituts? Warum hatten die den Stromausfall nicht abgefangen? »Dieser ganze Klimbim kostet eine Schweinekohle«, dachte Aldo,»aber wenn’s drauf ankommt, …«

Sein Herz klopfte. Wie spät war es eigentlich? Nach Mitternacht? In dem Fall war er verloren wie eine Laborratte im Käfig. Immerhin: Mit etwas Glück würde ihn der alte Fred entdecken, der Nachtwächter. Aber es war nicht wirklich Verlass auf ihn; ein Alkoholproblem, wie gemunkelt wurde. Aldo brüllte aus tiefster Brust um Hilfe. Doch in der Enge dieses beknackten Helms, benebelt vom Odeur verdauten Zazikis, verbot sich jeder Ansatz, dies ein weiteres Mal zu versuchen.

Zusätzlich zur aufkommenden Panik wurde auch der Harndrang unerträglich. Aldo versuchte immer wieder, seine Muskeln anzuspannen, in der sehnsüchtigen Hoffnung, sich aus den metallischen Fesseln befreien zu können. Er schwitzte, fluchte, tobte und keuchte vor verzweifelter Wut. Noch dazu biss er sich dabei mörderisch auf die Zunge.

»Auahhh! Verdammt!« Was für eine beschissene Situation. Warum eigentlich? Noch vor zwei Minuten schien ihm alle Macht des Universums offen zu stehen.

Wieder und wieder bäumte er sich gegen die gnadenlose Blockade seiner Gliedmaßen auf. Mit aller Kraft, die ihm noch zur Verfügung stand, versuchte er, sich loszurütteln. Zwecklos. Seine Unterarme schmerzten schon so heftig, als hätte er sich seine Handgelenke an den Armringen blutig gewetzt.

»Beruhige dich, Aldo! Denk nach!«, wollte er gerade zu sich sagen. Da traf ihn ruckartig ein tief schmerzender Stich in die rechte Schulter. Was zum Teufel war das? Aldo hielt inne. Er hoffte, seine Sinne würden die Barriere zur Außenwelt doch noch überwinden. Doch die Wand aus Lautlosigkeit war undurchdringbar. Sie wurde lediglich durch sein eigenes Keuchen unterbrochen. Die Substanz, die ihm in den Arm gestoßen wurde, fraß sich gnadenlos wie siedend heiße Säure in seinen Körper. Sie ließ Arme und Hände nach und nach zu Blei erstarren. Aldos Finger kribbelten noch für einen kurzen Moment, dann verlor er das Bewusstsein.

Kapitel 3

Mittwoch, 07. Dezember 09:30

Der Aufstieg aus dem tiefen Verlies der Narkose war mühsam. Bis zur Sekunde seines Erwachens nahm Aldo Effetti an, sein Ruf als untadeliger Streiter für objektiv wissenschaftliche Wahrheit sei ihm durch nichts auf der Welt zu nehmen. Aber die drei versteinerten Gesichter, in die er jetzt blickte, ließen Zweifel darüber aufkommen. Sah man in ihm noch einen Gelehrten, dem man Respekt zu zollen hatte?

Gleich, nachdem sich der Schleier vor seinen Augen verzogen hatte, befremdete ihn etwas: eine unangenehme Kälte im Schritt. Er hatte sich eingenässt. Kein Zweifel. Die Scham und das Entsetzen darüber ließen ihn hochschrecken. Was war ihm passiert? Noch lag etwas über seinen jüngsten Erinnerungen wie eine bleierne Glocke.

»Er ist aufgewacht!«, rief Ron Profalla angewidert. Das war Aldos schwarzhaariger Laborassistent. Er war es, der ihn bei Dienstbeginn neben dem Datensessel liegend in diesem Zustand vorgefunden hatte. Herabgebeugt glotzte er ihn durch sein mattgraues Kassengestell an, als wäre er eine ertrunkene Laborratte.

Ron und Aldo konnten einander nicht ausstehen. Aldo fand Rons Bubischnitt ebenso spießig wie dessen zwei langweilige Pullunder, von denen er stets ein Modell über einem schweißgesättigten Baumwollhemd trug, das er grundsätzlich pedantisch bis zum Hals zuknöpfte. Worin allerdings Rons offensichtliche Abneigung gegen Aldo bestand, blieb ihm ein Rätsel.

Dann ließ sich auch Frodo Scrooge, der Finanzchef des Institutes, zu ihm herab. Wie eine hinterlistige Bulldogge, die ihre Fährte aufnahm, beschnupperte er den Wissenschaftler demonstrativ angeekelt. »Strenges Aroma, Effetti. Was gab’s denn zu begießen?«

Aldo roch es jetzt auch. Er stank nach abgestandenem Alkohol und Erbrochenem. Widerlich. Verdattert blickte er um sich. Rings um den verflixten Datensessel verteilten sich etliche leere Bierdosen der Marke Brainstop Lager. Einige davon waren zerknüllt, andere lagen da wie achtlos fallengelassen, umgekippt, halbleer. Die Lache der klebrigen, allmählich antrocknenden Reste verband sich mit den weiteren Flüssigkeiten, die den Steinboden unter ihm besudelten. Links von ihm: eine Literflasche Bombay Exit mit Henkel. Sie barg noch einige Schlucke ihres berühmt berüchtigten Gins. Unverkorkt lag sie bäuchlings am Boden und zeigte mit der Öffnung unzweideutig auf Aldo.

Der bemerkte nun, wie die Szene auf die Umstehenden wirken musste. Wie ein plötzlich aktivierter Tauchsieder erhitzte sich sein Körper von innen heraus, was ihm dicke Schweißperlen auf die Stirn trieb. Die unfassbare Dimension dieser Peinlichkeit spiegelte sich im Blick von Eve van Edele wider. Sie stand wie angewurzelt links hinter den beiden Männern und schien vom Glauben abgefallen zu sein. Aldo spürte das. Der Schmerz darüber war stärker als der in seinem rechten Arm. Auf den ehrfurchtsvollen Blick, mit dem sie immer so nett zu ihm aufgesehen hatte, würde er zukünftig wohl vergeblich warten.

Immerhin: Seine Erinnerungen gelangten scheibchenweise in sein Bewusstsein zurück. Mit einem ›PLOP‹ entfachten sie die Flamme blanken Entsetzens.

»Um Himmels willen!«, schrie Aldo heiser. »Was ist mit der Anlage?« Er rappelte sich unsicher auf die Beine. Fahrig strich er sich durchs halblange Haar. Es stand eigenwillig zu Berge wie graubraunes Stroh. »Ron, sag was! Sind die Daten gesichert? Was ist mit der Nährstoffversorgung? Hast du schon den pH-Wert gecheckt?«

Doch bevor sich Aldos Laborassistent zu einer Antwort herabließ, nahm ihm Scrooge – der geschäftige Prokurist – das Wort aus dem Mund. Auch mit ihm lag Aldo seit jeher im Clinch. Es ging immer um Geld. Der Typ benahm sich so, als wäre es sein ganz persönliches Vermögen, das Aldo für seine Forschung beanspruchte.

Scrooge war stämmig und klein. Sein Kopf ragte wie ein abgerundeter Würfel übergangslos aus dem wuchtigen Korpus. Teurer blauer Nadelstreifenanzug, weißes Hemd, geschmacklose bunte Krawatte. Aber: Sein Knopf im linken Ohr war mit einem Brillanten versehen.

»Keine Sorge wegen der Aufzeichnungen«, lästerte Scrooge. »Die sind hinüber.«

»Wie hinüber?«

»Na weg, futsch, … gelöscht.«

»Gelöscht?«, krächzte Aldo ungläubig. »Was oder wer hätte die denn löschen sollen? Und warum? Das war doch nur ein Stromausfall.«

»Ein Stromausfall? Soso!« Das ›Soso‹ zog die Dogge genüsslich lang wie einen zähen, über Stunden gekneteten Kaugummi. Seine buschigen Augenbrauen wanderten bis hinauf zum Haaransatz, während er falsch und breit grinste.

»Na, keine Ahnung, Effetti, sagen Sie’s mir. Sie waren doch dabei und nicht ich – oder sonst wer hier im Raum. Offensichtlich ist der ›Stromausfall‹ zufriedenstellend verlaufen, ansonsten hätten sie ihn ja nicht bis zur Bewusstlosigkeit begossen, oder?«

Aldo beachtete ihn nicht. Er stolperte unbeholfen zum Terminal und tippte eilig Befehle in die Konsole.

»Aber das gibt’s doch nicht!« Seine Stimme überschlug sich. Fassungslos scrollte er die Verzeichnisse hoch und runter. Vergeblich. Auch gezielte Suchbegriffe förderten nichts zu Tage. Der Zentralcomputer stand da, ahnungslos wie ein frisch geschlüpftes Baby. Die externen Festplatten? Blank wie eine Staatskasse nach der halbjährlichen Bankenrettung. Keine Spur von den sechshundertundsechzig Terabyte an Daten, die sich durch Aldos Sensorauswertungen und Berechnungen im Laufe der letzten Monate angesammelt hatten.

»Warum um alles in der Welt habt ihr denn das Betriebssystem frisch installiert?«, stotterte Aldo sichtlich derangiert. Hilfesuchend wandte er sich an seinen Assistenten und krähte heiser: »Ron, was ist mit den Backups?«

Ron kam abermals nicht in die Verlegenheit, antworten zu müssen.

»Effetti! Verdammt noch mal. Ihre Schmierenkomödie langweilt mich«, säuselte der Finanzchef wie in Zeitlupe. Er wartete einen Moment, bevor er süffisant fortfuhr: »Mann, … glauben Sie denn, wir sind bescheuert? Sie haben die Backups, die aus Sicherheitsgründen auf den Parallelserver in Canberra gespiegelt werden, ebenfalls gelöscht. Gründlich sind Sie ja.«

Aldo sah Frodo ungläubig an. »Schmierenkomödie? Was meinen Sie damit?«

Scrooge winkte verächtlich ab. »Was Sie hier machen, liegt doch klar auf der Hand, Effetti.«

Inzwischen stand der stämmige Prokurist dicht vor Aldos Gesicht. Aldo musste seinen Blick senken, um in dessen finstere, Funken sprühende Augen hinabzublicken. Sie waren stahlgrün wie das Rohr einer Panzerfaust.

»… ist doch klar wie billige Nährlösung!«, prustete Scrooge. »Sie haben die Auswertung ihrer kompletten Forschung gegen reichlich Zaster an irgendeinen Pharma- oder High-Tech-Konzern verhökert. Hab ich Recht?«

Aldo stutzte.

»Und für uns mimen Sie hier den unwissenden Trottel?« Die Bulldogge lachte trocken und sah Aldo verächtlich ins Gesicht. »Ha! Schämen Sie sich nicht? Dass Ihnen gestern Abend vor lauter Vorfreude aufs dicke Geld, der Gaul durchgegangen ist, hatten Sie vermutlich selbst nicht geplant, was? Darauf wett ich. Wer das Saufen nicht gewohnt ist, mein Lieber, sollte vorsichtiger sein.«

Frodo Scrooge grinste zufrieden. Stellte er sich gerade vor, wie viele Millionen australischer Dollar er per anno ohne Effettis Monsterprojekt für das Institut einsparen konnte?

Aldos Hände ballten sich zu Fäusten. Allmählich hatte er Betriebstemperatur. Auf der Woge einer üppigen Ausschüttung körpereigenen Adrenalins blendete er vorübergehend aus, dass seine körperliche Verfassung nicht die Beste war. Sein Unterzucker verursachte ihm zittrige Knie. Umso erboster brüllte er: »Sie vernagelter Ignorant! Das ist doch absoluter Quatsch! Ich stand unmittelbar vor einem erkenntnistheoretischen Durchbruch. Selbst wenn ich irgendetwas hätte verschachern wollen – was mir gar nicht in den Sinn kam …«, Aldo holte noch einmal tief Luft, um noch lauter zu werden, »… ich war noch gar nicht so weit, Sie Trottel!» Dabei stieß er, ohne die Folgen zu bedenken, beide Handballen wütend gegen die kompakte Brust seines Abteilungschefs.

Betretene Stille; auch unter den umstehenden Kollegen. Scrooge sah dem Wissenschaftler kaltschnäuzig ins Gesicht. Ganz langsam schob sich seine Unterlippe nach vorn. Wie ein Fels in der Brandung stand er da. Und dann erwiderte er den Stoß. Aber mit einer Wucht, die Effetti nicht nur den Atem verschlug, sondern ihn rücklings über die am Boden liegende Literflasche Gin stürzen ließ. Scrooge und Profalla sahen einander an und lachten. Sie wirkten fröhlich wie Kinder beim Furzwettbewerb. Der Laborassistent machte einen Schritt auf Aldo zu und grinste ihn perfide an.

»Dein ›erkenntnistheoretischer Durchbruch‹«, höhnte er, »besteht offensichtlich darin, dass du bei Weitem nicht so viel verträgst, wie du säufst, Herr Professor.« Sichtlich zufrieden über seinen kleinen Joke, tappte er amüsiert glucksend in Richtung Ausgang. Eve van Edele folgte ihm, warme Tränen in den Augen. Sie war bestürzt und angewidert angesichts des entwürdigenden Schauspiels, dessen Zeugin sie gezwungenermaßen geworden war. Mit schmerzverzerrtem Gesicht sah Aldo dem bulligen Scrooge nach.

Doch noch bevor der Finanzchef den anderen durch die enge Schleuse folgte, wollte er etwas loswerden: »Eh ich’s vergesse, Effetti: Sie sind natürlich gefeuert. Sie haben genau zehn Minuten, um Ihren Kram zu packen und Ihre Schlüssel auf den Schreibtisch zu legen. Wir sehen uns vor Gericht. Sie werden die ›paar Milliarden‹ zurückerstatten, die Sie dem Steuerzahler für Ihren nutzlos zuckenden Gripsdino schulden.

Aber das hat auch sein Gutes. Ich bin Sie ein für alle Mal los. Und ihren schwabbeligen Fettkloß da draußen gleich mit. Der zerfällt nämlich schon seit gestern Nacht zu einem riesenhaften Berg Scheiße. Am liebsten würde ich Sie den eigenhändig wegschaufeln lassen. Aber das dauert mir zu lange. Es stehen einige andere Projekte an, die zur Abwechslung auch mal Geld abwerfen werden. Tschau!«

Erst jetzt fiel Aldo auf, dass die Panzerverglasung offensichtlich schon den ganzen Morgen über außen zur Halle hin komplett beschlagen war. Sein Versuchsobjekt, das künstliche Gehirn, war kollabiert. Das technische System, welches es am Leben erhalten hatte, war unwiederbringlich zerstört.

Aldo war hier fertig. Er überlegte, ob es an seinem Arbeitsplatz überhaupt noch etwas gab, das sich lohnte mitzunehmen. Er kramte die Schubladen des Schreibtisches durch. Ein paar leergekritzelte Kugelschreiber lagen dort, mehrere Grußbotschaften seiner beiden Lieblingspolitessen ebenso wie etliche Essensbons für die Kantine; allesamt abgelaufen.

Aldo war ein digitaler Mensch. Er notierte sich nichts auf Zettel. Seine Sauklaue konnte ohnehin niemand entziffern – am wenigsten er selbst. Alles, was er sich kurz-, mittel- und langfristig merken wollte, tippte er mühsam auf das Display seiner Armbanduhr. Eine erniedrigende Pfriemelei war das natürlich schon, aber dafür hatte er stets dabei, was nicht in Vergessenheit geraten sollte. Und als er jetzt draufschaute, fragte er sich, warum man ihm ausgerechnet die gelassen hatte. Vielleicht, weil sie so unscheinbar aussah? Patiniert und verklebt vom miefigen Rotz, in dem er gestern – wie so oft schon – herumgefingert hatte? Ein ganz billiges Ding war sie; ein Sonderangebot vom Wühltisch eines Discounters. Man konnte mit ihr weder online gehen noch telefonieren. Aber: Einen winzigen eingebauten LED-Projektor besaß sie. Aldo stand auf technischen Schnickschnack wie diesen. Aufgeregt schaltete er den entsprechenden Funktionsmodus der Uhr ein, um zu checken, ob man seine Daten auch dort gelöscht hatte. »Ha! – Glück im Unglück.« Aldos Notizen und sein umfangreiches Mindmap waren unversehrt geblieben.

Für einen Moment konzentrierte er sich, um sich in die letzten bewussten Minuten der vergangenen Nacht zurückzuversetzen. Das gelang besser als erwartet. An seine Gleichungen erinnerte er sich, als wären sie auf eine virtuelle Tafel gemalt. Unausgegorene Ansätze allesamt. Doch Aldo wusste, wie man effektive Eselsbrücken formuliert. Diese in die Uhr zu notieren, dauerte keine zehn Minuten. Zu gegebener Zeit würden seine Synapsen aufleuchten wie die Landefeuer eines Flughafens und ihn an den Ursprung seiner Erkenntnisse zurückgeleiten.

Zusätzlich stellte die Armbanduhr einen schlichten Kalender zur Verfügung. Auch den fand Aldo unangetastet vor. Der Termin von gestern Nachmittag war ordnungsgemäß eingetragen – der mit den Journalisten. Die Erinnerungsfunktion zu aktivieren, musste er wohl versäumt haben.

Seine Assistentin fiel ihm ein. Irgendetwas Befremdliches – diese Journalisten betreffend – geisterte in seinem Unterbewusstsein herum. Aber er war nicht in der Lage, es zu greifen. Aldo stand auf, ging zum Terminal und steckte sich das Headset wieder ans Ohr.

»Eve, hören Sie mich?« Stilles Rauschen. »Hallo, Eve, bitte, … reden Sie mit mir.« Es dauerte etwas, bevor sie sich entschloss zu antworten, wenngleich auch reichlich reserviert.

»Mr. Effetti. Was gibt’s denn noch?«

»Sagen Sie mal: Wie war das mit diesen beiden Journalisten gestern? Konnten Sie die problemlos wieder los werden?«

»Eigentlich schon,« gab sie zurück. »Allerdings: der hagere Graue – Jackal hieß der Mann, glaub ich – hatte wohl ein Verdauungsproblem.«

»Wie kommen Sie darauf? Hat er das erwähnt?«

»Nein, selbstverständlich nicht, aber er verbrachte einige Zeit auf der Toilette. Der andere war wohl sauer, dass er so lange auf ihn warten musste, und verließ das Institut, bevor sein Kollege zurück war.«

»Mm!« Aldo machte eine Denkpause, in der Hoffnung, dass ihm diese Botschaft weiterhelfen würde; tat sie aber nicht.

»Danke Eve, alles Gute für die Zukunft und vielen Dank für die lange, professionelle Zusammenarbeit. Sie werden mir fehlen.«

Van Edele antwortete nicht auf seine Worte. Aber es dauerte etliche Sekunden, bis es im Hörer klickerte.

Aldo stand wie angewurzelt draußen in der Halle und versuchte, seinen Impuls zu heulen mannhaft hinunterzuschlucken. Immerhin waren es zwei Jahre schweißtreibender Arbeit und unzählige zäh, aber siegreich ausgetragene Kämpfe, deren Sinn gerade zu einem unappetitlichen Brei zerfiel. Ein dampfendes Inferno spielte sich vor seinen Augen ab. Der beißenden Atmosphäre nach zu urteilen, war der Gärungsprozess in vollem Gange. Das synthetische Gehirn blähte sich auf wie ein frischer Hefekuchen im Backrohr. Zwei der dickleibigen, aufgeblähten Wülste hatten sich gelöst. Schon baumelten sie über der Metallrahmenkonstruktion, die sie einfasste, und drohten, jeden Moment abzureißen. Unter dem Gerüst war der Boden übersät von zentnerschweren, fauligen Fettstücken, die abgefallen waren wie nasser Schnee in der Frühlingssonne. »FLATSCH!« Wieder und wieder schlug etwas auf dem Boden auf, das wie Kuhfladen aussah, aber wesentlich unangenehmer roch. Überhaupt musste Aldo den Begriff ›Gestank‹ für sich selbst komplett neu definieren. Niedergedrückt von tropenartiger Schwüle, waberte dichtes Biogas in schissgelben Nebelschwaden knapp über die Bodenkacheln. Kaum noch Spuren von Sauerstoff. An Atmen war nicht zu denken. Bemüht, dem monströsen, an Exkremente erinnernden Abfall des dahinsiechenden Simulationskörpers auszuweichen, suchte sich Aldo spitzen Fußes und mit zugehaltener Nase einen kurvenreichen Pfad zur Hallentür.

Er verließ das neurowissenschaftliche Institut über blank gewienerte Gänge. Dabei erzeugte er Schritt für Schritt flatschig braune Spuren, die unmittelbar hinter ihm von einem angestrengt fiependen Reinigungsautomaten sorgsam weggelutscht wurden.

4

Mittwoch, 07. Dezember 11:00

Die Tanknadel stand annähernd bei null, seine Frau Savannah reagierte nicht auf seine Anrufe und das Autoradio hatte einen Totalausfall. Es rauschte beharrlich auf allen verfügbaren Kanälen. Heute war nicht sein Tag.

Aldo bog vom Highway ab. Die Tankstelle war von den Fahrern unzähliger Fahrzeuge belagert. Die langen Schlangen an den Zapfsäulen reichten bis hinaus auf die Straße.

»Heute Vormittag ist der Sprit aber günstig!«, dachte Aldo und stellte sich ganz hinten an. Doch kurz bevor er nach etwa zwanzig Minuten endlich dran war, schaltete das Display auf dem Anzeigeturm um. Der Preis hatte sich knallhart um einen ganzen Dollar erhöht.

»Schiebung!«, schrien etliche Leute über ihre geöffneten Fahrertüren hinweg oder, »Betrug!« Manche gingen erbost nach vorne zur Kasse und beschwerten sich, andere wendeten und fuhren zurück auf die Hauptstraße. Aldo tat nichts dergleichen. Sein Tank war restlos leer.

An der Kasse spürte er die aggressive Ungeduld derer im Rücken, die ebenfalls den Wucherpreis widerstrebend bezahlen mussten. Doch die Abbuchung von Aldos Kreditkarte klappte nicht. Tapfer ignorierte er die unflätigen Unmutsäußerungen der hinter ihm Anstehenden und bat den Kassierer höflich, es noch einmal zu versuchen. Es konnte sich schließlich nur um einen vorübergehenden Buchungsstau handeln. »Meine Konten sind gedeckt«, dachte Aldo. Doch die Bank blieb hart. Sie verweigerte die Abbuchung. Der Mann hinter der Kasse sah sich in seiner Einschätzung bestätigt, dass Aldo ein heruntergekommener Penner war: pleite und versoffen. Denn genau so sah er aus. Er miefte auch entsprechend. Seine silberne Mercedes-Sportlimousine passte in dieses Bild zwar nicht so ganz hinein, aber das verstärkte den Argwohn des Tankwarts umso mehr.

Aldo parkte seinen Wagen hinter der Waschanlage. Er hatte sich mit dem Tankstelleninhaber darauf geeinigt, das Fahrzeug abzuholen, sobald er den getankten Sprit mit gedeckter Kreditkarte auslösen konnte.

Nun war er nicht nur ratlos, sondern auch hungrig, dehydriert, erschöpft und niedergeschlagen.

Er trank aus dem Wasserhahn des Handwaschbeckens. Wer war der Typ, der ihm aus dem Spiegel entgegenstarrte? Ein Landstreicher, den es auf die Toilette im Rückgebäude irgendeiner Tankstelle bei Melbourne verschlagen hatte? War er ein anderer geworden? Offensichtlich. Wie war es über Nacht dazu gekommen? Er fühlte sich gealtert.

Ja. Tränensäcke hatte er. Aber die waren doch früher nicht so deutlich hervorgetreten, waren nie so wulstig, die müden Lider darüber nicht so faltig gewesen. Nie war er sich derart unrasiert, ungekämmt und dreckig vorgekommen. Nur das grünliche Braun seiner Augen schien ihm vertraut. War er das? War er zu einer gestrandeten Existenz ohne Zukunft geworden?

»Von wegen«, dachte Aldo. »Ich hab das Licht Gottes gesehen. Und das … wird euch eines Tages noch blenden!« Dabei kurvten seine Gedanken um Scrooge und Profalla. Er grinste sich vielsagend an und blinzelte kumpelhaft mit dem linken Auge. Zugegebenermaßen wirkte das übertrieben. Seine gespielte und aufgesetzte Überheblichkeit ließ ihm unangenehme Schauer über den Rücken laufen. Sie passte weder zur momentanen Situation noch zu seiner Stimmung.

»Hallo? Du hast keinen Job mehr, Aldo. Wie soll’s jetzt weitergehen? Sie werfen dir Betrug vor. Wenn sie das an die große Glocke hängen, bekommst du als Wissenschaftler keinen Boden mehr unter die Füße.

Und warum zum Teufel, geht Savannah nicht ans Telefon?«

Aldos dünne Sneakers aus Stoff waren im Grunde ungeeignet, um durch Wald, Gärten oder Parks zu streifen; zu welcher Jahreszeit auch immer. Aber nur so konnte er die sechzehn Kilometer bis nach Hause auf etwa neun verkürzen. Jahrelange, ausgedehnte Touren mit dem Mountainbike hatten ihn ortskundig gemacht. Zu Fuß zu gehen, war allerdings doch nochmal was anderes. Es dauerte eineinhalb Stunden, bis er vor seiner Haustür stand. Völlig erledigt.

»Savannah wird zu Hause sein«, machte er sich Mut. »Sie hat heute keinen Dienst.« Dass ihr weißer Scirocco gar nicht in der Einfahrt parkte, blendete Aldo aus. Die Tür klang seltsam, als sie nach innen aufsprang. Es hallte. Das ganze Haus stand leer. Keine Möbel, keine Teppiche, keine Zimmerpflanzen. Wie verhext. Was hatte das zu bedeuten? Aldo ging wieder hinaus. Auf dem Türschild stand »Effetti«, über der Eingangstür, »Hausnummer 16«. Alles korrekt soweit.

»Savannah!«, rief Aldo aus vollem Halse. Er rannte nach oben in den ersten Stock. Der gleiche Anblick. Gähnende Leere. Selbst die Bilder waren von den Wänden genommen worden. Aldo war völlig verdutzt. Was hatte er davon zu halten?

Ja, gut … klar. Seine kinderlos gebliebene Ehe war nicht gerade das, was man pure Glückseligkeit nennen konnte. Aber man tauschte sich gelegentlich immer wieder mal nett miteinander aus: Komme nicht nach Hause; bin beim Tennis; hab noch Termine; geh mit Geschäftskollegen essen; bin das Wochenende beim Angeln, auf Motorradtour, im Dschungel, sechs Wochen in Neuseeland …

Sowohl er als auch sie hatten eigene, dicht gefüllte Zeitpläne verfolgt, die sich zunehmend seltener miteinander gekreuzt hatten. Man verlor sich gegenseitig aus den Augen. War das der Grund? Hatte sie deshalb dem gemeinsamen Heim den Rücken gekehrt, den gesamten Hausstand mitgenommen, ohne mit ihm deswegen auch nur ein Sterbenswort zu wechseln? – Das alles schlug Aldo auf den Magen.

Wieder unten im Parterre angekommen, schloss er hastig die Haustür, auf deren weißer Innenseite ein dunkelblaues Kuvert klebte. Aldo zog den Brief vorsichtig ab. Er war mit einem Klebepad angeheftet. Von nervöser Wut getrieben, riss er ihn sofort auf, um an das Innere zu gelangen.

»Wenn du eine Pechsträhne hast, Aldo, dann willst du sie in all ihren Facetten auskosten«, nahm er sich selbst auf die Schippe. Als Nachkomme italienischer Einwanderer, eines Bestattungsunternehmers und einer Gerichtsvollzieherin, lag Effetti der Galgenhumor im Blut. Seine Ehe war gescheitert, da machte er sich nichts vor. Wer daran schuld war …?

»Mein Liebling …«, begann der Brief etwas scheinheilig. Aldo konnte sich nicht erinnern, wann ihn Savannah das letzte Mal ›Liebling‹ genannt hatte. War sie betrunken gewesen, als sie das schrieb? So sentimental war sie doch eigentlich gar nicht. Trotzdem: Auf einmal wehte etwas Mächtiges die vielen Lagen Desinteresses weg, die sich im Laufe der vergangenen Monate wie speckige Schichten Schimmel über die einst glücklichen Tage seiner Ehe gelegt hatten. Aldos Herz schmerzte – mehr als er sich eingestehen mochte.

»Liebling«, begann Aldo erneut zu lesen, »bitte verzeih mir. Ich schäme mich, denn ich habe Mist gebaut. Du weißt doch noch, wie überzeugt ich von dieser todsicheren Investition gewesen war. Du hattest mir von Anfang an davon abgeraten. Weißt du noch? Warum hab ich bloß nicht auf dich gehört?«

»Hast du doch nie«, warf Aldo grantig ein, »nun laber nicht, Savannah, raus mit der Sprache: Was ist eigentlich los?«

»Obwohl Du ja von Kosmetik keinen leisen Schimmer hast, Aldo, lagst du mit deiner Einschätzung völlig richtig. Ich geb’s nur ungern zu. Aber ich hab mich mit diesem Dreckszeug STAYATTRACTIVE restlos verspekuliert. Der Hersteller musste das Präparat umgehend vom Markt nehmen. Weltweit. Die im Umlauf befindlichen Bestände wurden vom Gesundheitsamt beschlagnahmt. Es ist eine Katastrophe, Aldo. Du weißt, dass ich das Zeug selbst genommen habe. Ich war absolut überzeugt davon. Und jetzt? Du würdest mich nicht wiedererkennen. Ich bin nicht mehr dieselbe.

Außerdem hab ich dein Vertrauen missbraucht. Um meine Schulden zu begleichen, musste ich leider unser gemeinsames Konto auflösen. Ich appelliere an deinen Großmut, mein Schatz. ›In Guten wie in schlechten Zeiten‹ hieß es. Es sind jetzt schlechte Zeiten. Das wirst du auch merken, wenn du in die Garage schaust.

Aber ich habe zäh verhandelt. Weder deine Enduro noch dein dickes Tourenmotorrad habe ich unter Wert verkauft. Das musst du mir glauben, Aldo. Ich danke dir, mein edler Retter.

Weißt du noch? Unsere knuffige rote, sündenteure Art-Deco-Couch mit den hübschen Tierkreissymbolen, auf der wir uns unsagbar geliebt haben? Die hat beiZockbay richtig was eingebracht. Auch den ganzen anderen Hausplunder bin ich dort losgeworden, gegen Abholung versteht sich. Die Firma war gestern da, hat im Namen des Kunden alles verpackt und mitgenommen. Fleißige junge, attraktive Kerle. Sie waren allerdings ziemlich hungrig, die Jungs.

Ich weiß ja, dass du tief in deinem Projekt steckst, Aldo. Aber dass du ausgerechnet gestern Abend nicht nach Hause gekommen bist, war ungünstig. Ich hatte Termine, konnte einfach nicht mehr warten, deshalb der Brief. Trag’s mir bitte nicht nach.

Oben im Wandschrank neben dem Badezimmer habe ich dir einige deiner Klamotten zurückgelassen. Dort findest du auch einen Koffer.

Denn da ist noch etwas, Aldo: Das Haus ist verkauft. Der neue Eigentümer wird schon morgen früh einziehen. Ich bin mir aber sicher, du wirst unten im Motel an der Einfahrt zum Motorway ein nettes Zimmer bekommen.

Wenn du Hunger hast – hast du ja immer –, im Kühlschrank zwischen dem ganzen älteren Zeug liegt noch etwas Bacon, zwei Eier und Butterschmalz. Stärk dich erstmal.

Ich schätze, du wirst ganz schön sauer auf mich sein. Natürlich wirst du das. Ginge mir nicht anders. Deswegen ist es wohl das Beste für uns beide, wenn wir uns für eine Weile nicht sehen. Ist das okay für dich?

Such mich nicht!
Alles Liebe, deine Savannah.«

Aldo zitterte am ganzen Leib. War das der Frust? Oder war es sein Loch im Magen? Es musste riesig sein. Er wunderte sich darüber, dass er überhaupt noch stehen konnte. Wenn’s richtig dick kam, war er eben zäh wie ein Filmheld. Doch zunächst war ein anderes Bedürfnis noch stärker als Hunger und Durst: Duschen. Sein hygienischer Zustand war ihm unerträglich.

Anschließend – im besagten Wandschrank – fand Aldo tatsächlich einen Teil seiner Garderobe vor. Frische Unterwäsche, hellblaue Jeans, ein leichtes Baumwollhemd mit grauem Schottenmuster, schwarze Socken sowie seine bequemen, grellfarbenen Joggingschuhe. Die hatte er sich erst im Frühjahr zugelegt. Mehr war nicht da. Den besagten Koffer würde er nicht brauchen. Aber der war ohnehin nirgendwo zu sehen. Die hungrigen Jungs hatten ihn wohl mitgehen lassen.

Es war schon fast Mittag. Aldo hatte vor, fürstlich zu brunchen. Er würde sich eine Kanne mit aufgebrühtem Darjeeling machen und frisch gepressten Orangensaft. Bei dem Gedanken an leckere Spiegeleier auf knusprigen Speckstreifen sowie frisch geröstetes Weißbrot mit gesalzener Butter lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Schon bald würden seine Lebensgeister zurückkehren. Das würde ihm helfen, die schauderhaften, nebelhaft und schwarz schwelenden Rauchschwaden, die auf seinem Gemüt lasteten, zu vertreiben.

Sein erwartungsvoller Blick in den Kühlschrank ließ ihn jedoch schlagartig am Sinn des Lebens zweifeln. Keine Orangen, keine Eier, Bacon erst recht nicht, geschweige denn so etwas wie Butter. Von panischem Schrecken gepackt, fuhr Aldo herum und scannte den Rest der Küche nach etwas Essbarem ab. Brot? Fehlanzeige. Der entsprechende Behälter war ebenso leer wie seine Motorradgarage. Selbst das obligatorische Glas mit Süßigkeiten fehlte. Früher stand es im Küchenschrank über der Spüle. Aldo gönnte sich ganz gerne mal ein paar Gummibärchen, Lakritzschnecken oder einen Lolli.

»Savannahhhhh!«, brüllte er. Seine angestaute Entrüstung kochte explosionsartig in ihm hoch und verdunstete sogleich streng riechend wie übergelaufene Milch auf einer Herdplatte. Das hier – war die eigentliche Gemeinheit des Tages. Die Sache mit dem verkloppten Hausrat hätte er Savannah eines fernen Tages verziehen. Aldo war nicht nachtragend. Das war ihm auf Dauer viel zu umständlich. Auch dass sie ihn wie einen Trottel abgezogen und anschließend feige verlassen hatte, war nicht fair –  aber so war sie eben. Sogar die Frechheit, dass sie seine geliebten Motorräder ungefragt veräußert hatte, war etwas, das von seiner kolossalen Gutmütigkeit in ferner Zukunft – im nächsten Leben vielleicht – hätte absorbiert werden können.

Aber einem ausgehungerten Mann Eier und Bacon zu versprechen und es dann nicht zu halten, war niederträchtig. Sowas macht man einfach nicht. An der Stelle hörte auch für Aldo jeglicher Spaß auf.

Notgedrungen riss er sich zusammen und versuchte sein Glück mit einem zweiten Blick in den Kühlschrank. Vielleicht gab es dort drinnen doch noch irgendwas zu holen. Er roch an der Milch, – sie war sauer.

Oh! Was war das? Fleisch? Wahrhaftig! Auf einem Teller lag doch tatsächlich ein rohes Steak. Original verpackt, eingeschweißt in eine zähe, transparente Folie. Welchen Haken hatte das? Aldo drehte die Verpackung um. Das Haltbarkeitsdatum war abgelaufen. War ja klar. Seit vier Wochen schon. Offenbar der Grund dafür, dass sich die Tasche so verdächtig aufblähte. Aldo hatte nicht die Zeit, sich passende Flüche zurechtzulegen und sie lauthals herauszubrüllen.

Denn es klingelte. Er erschrak, ohne zu wissen warum. – Oder vielleicht doch? Seine rechte Gehirnhälfte schaltete sich ein: »Aufgemerkt, Alter! Ich rieche Ärger. Wer sollte dich besuchen wollen? Hier und jetzt? Savannah? Jemand aus dem Institut? Die Schweine, die dir das Narkosemittel gespritzt haben? Ist ihnen aufgegangen, dass sie vergaßen, dir deine Uhr mit dem Mindmap zu klauen? – Hau ab, solange du noch kannst!«

Als sei es seine Pflicht, sich um Aldos Besucher zu kümmern, bellte der Nachbarshund Alarm. Aldo hielt den Kühlschrank mit der linken Hand halb offen und spähte neugierig durch das Küchenfenster in den Vorgarten hinaus.

Soweit er das erkennen konnte, standen am Gehweg neben dem Briefkasten zwei Typen im schwarzen Anzug, die ihre Augen hinter dicken Sonnenbrillen verbargen. Men in Black? Kein Zweifel, die mussten mit der Proletenkarre gekommen sein, die nun vor seinem Grundstück parkte. Ein fetter schwarzer SUV. Einer von diesen Spritfressern, die amerikanische Geheimdienste wegen ihres martialischen Aussehens bevorzugten.

Aldo musste sich beeilen. Die düster dreinblickenden Kerle warteten nicht ab, bis er über die Sprechanlage nachfragte, was sie wollten, sondern stiefelten ohne Umschweife zügig auf die Haustür zu. Der Linke von den beiden sah sich ständig um. Offenbar kamen sie nicht in friedlicher Absicht. Wer weiß, ob sie an der Haustür ein zweites Mal klingeln würden, bevor sie hereinkamen? Aldo hatte keine Lust, sie kennenzulernen. Der Tag war ohnehin schon versaut genug. Vertreter, die darauf aus waren, ihm lausige Staubsauger anzudrehen, lästige Versicherungsfritzen oder gar Zeugen Jehovas waren sie vermutlich nicht.

Er holte das Steak aus dem Kühlschrank und versuchte, die Folie zu zerreißen. Unmöglich. Sie war undurchdringbar wie der Stadtverkehr Melbournes gegen 17:00. Aber mit der zurückgelassenen, rostigen Schere, die er in einer der Schubladen fand, gelang es ihm. Boah! Das stank zum Himmel.

Fasold und Aldo waren alles andere als Freunde. Aldo traute dem weißen Bullterrier seines Nachbarn Dietrich von Bern keinen Meter über den Weg. Das Vieh hatte Kraft ohne Ende. Die lächerlich dünne, rosafarbene Leine, die das Tier vor dessen Haus sicherte, war nichts als pure Provokation. Die Vorgärten in dieser Straße waren nicht umzäunt.

Beherzt riss Aldo das Küchenfenster auf. Die beiden Finstermänner schauten sofort zu ihm hin. Während sie sich dem Fenster näherten, griffen sie unter ihre Sakkos. Aldo warf ihnen das Steak direkt vor die Füße. Fasold bemerkte das. Er knurrte warnend und fletschte seine beeindruckenden Zähne.

Dann zogen die Männer ihre Waffen blank. Doch als sie anlegten, stieß sich Fasold vom Boden ab wie ein schlecht gelaunter Quarterback beim Anpfiff. Heiser keifend stob er im Schweinsgalopp unbeirrbar auf das Bouquet des verwesenden Steaks zu, miefig warme Sabbertropfen verteilend. Dass er nicht sterben würde, bevor er das Fleisch im Maul hatte, war zu vermuten. Dennoch wirkten die beiden Dunkelmänner erst jetzt irritiert, denn Fasolds Leine riss wie ein weicher Wollfaden. Seine kräftigen Reißzähne präsentierend, tobte der Vorbote des Jüngsten Gerichts mit aufgerissenem Schlund auf sie zu, wobei die blutrote Verfärbung rund um seine Schnauze effektiv zur Plakativität der Szene beitrug.

Schweren Herzens verzichtete Aldo darauf, das dramatische Schauspiel zu genießen. Er war schon durch die offene Terrassentür getürmt und gerade dabei, sich über die Gartenzäune zu retten. Hinter dem Haus folgte er dem übelriechenden Lieblingspfad der lokalen Hundebesitzer, sprintete in Richtung des Straßenlärms, verschwand hinter den Baumhecken und anschließend durch die Unterführung des Motorways. Die gellenden Schüsse der sich verzweifelt verteidigenden Fremdlinge nahm er nur noch vage wahr …


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